Ein vitales Theater in Wiesbaden, 1986-2014

Daß Kabarett, genreübergreifende Theaterprojekte, der Diskurs über strittige Themen und auch Comedy unsere Gesellschaft spiegeln und ins Theater gehören, ist noch nicht lange eine Selbstverständlichkeit. Man schrieb das Jahr 1986, als ein Kreis Aufbruchswilliger in diesem Sinn beschloß: Wir wollen mehr Kultur für die hessische Landeshauptstadt – und zwar selber machen.

In der verschwiegenen Spiegelgasse im Herzen von Wiesbaden fanden Josiane Baumgartner, Dorothee Dierker-Burk, Susanne Fischer, Jürgen Gutmann, Fortunato La Pietra, Renate Stiller und Wilfried Weber im ehemaligen Speisesaal des Pariser Hofs einen Ort, an dem sie mit persönlichem Engagement und finanzieller Risikobereitschaft ein Theater gründeten. Dem bunten Gründermix aus Kulturschaffenden, Kunstliebhabern, Humorfans und Organisationstalenten ist es zu verdanken, daß dort eine Programmmischung kredenzt wurde, die schnell ein Publikum fand. Schon bald wurde klar, daß die Theaterarbeit des Teams innovativ, langfristig orientiert und im künstlerischen Bereich von hoher Qualität war. Die Stadt Wiesbaden förderte die Arbeit mit Projektzuschüssen und später mit einem institutionellen Zuschuß.

Das Programm des Pariser Hoftheaters umfaßte ein breites Spektrum: Wir haben politisches Kabarett, Comedy, Musik-Kabarett, Buchvorstellungen und Filmabende angeboten. Manche unserer Künstler waren regional aktiv, andere deutschlandweit unterwegs. Wir haben junge Talente entdeckt und gefördert, vor allem aber Künstlerinnen und Künstler präsentiert, die eine feste Größe auf Deutschlands Kabarettbühnen sind. Das Programm wurde von Susanne Fischer geplant, ab 2006 in Zusammenarbeit mit Yuriko Bernhöft.

In Eigenproduktionen haben wir genreübergreifende Theaterabende (Beispiel: Wilfried Webers Rekonstruktion von Kandinskys “Bilder einer Ausstellung”, 1988), literarisch-musikalisch-kulinarische Abende (Beispiel: “Neugier auf Napoli” nach einer Idee von Fortunato La Pietra, 201 Vorstellungen) und Operetten inszeniert (Beispiel: “Madame Pompadour”, 1994).

In den 80er und 90er Jahren haben wir brisante Themen in jährlich wiederkehrenden Festivals fokussiert (Beispiele: Frauenkabarettfestival, Altentheaterfestival, Schwulen- und Lesben- Theaterfestival). Für zahlreiche Veranstaltungen haben wir größere Räume in Wiesbaden angemietet. Außerdem war das Pariser Hoftheater immer auch ein Ort für Vorträge und ein Forum für die Diskussion gesellschaftlich relevanter Themen.

Unsere Leistungen und unser Engagement für das Wiesbadener Kulturleben wurden 2004 mit dem Kulturpreis der Stadt Wiesbaden gewürdigt. Nach 28 Jahren erfolgreicher und lebendiger Theaterarbeit haben wir im September 2014 das Pariser Hoftheater geschlossen und uns neuen Lebens- und Arbeitsschwerpunkten zugewendet.

Der Deutsche Kulturrat schreibt in seiner Publikation “Politik & Kultur”
in der Ausgabe 1/2017 über Kultur und Identität in Wiesbaden:

“… das ´Pariser Hoftheater´, ein echtes Kleinod von Freier Bühne in
der Innenstadt. Nach Lesart der Dezernentin hatten dessen Macher 2014
freiwillig aufgegeben. Tatsächlich waren sie – nach immerhin 28jährigem
Bestehen – die permanente finanzielle Unsicherheit einfach leid und
haben die Stadt größtenteils verlassen”.

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